Biberach

18.03.2020
So wirkt sich die Coronakrise im Kreis Biberach aus

Biberacher Landratsamt verbietet per Alleinverfügung sämtliche Versammlungen und Veranstaltungen / 37 Coronafälle kreisweit

Am Wochenende ist der Coronavirus in allen 44 Stadt- und Landkreise in Baden-Württemberg angekommen. 744 Menschen sind landesweit mit Covid-19 infiziert. Im Landkreis Biberach gibt es 37 bestätigte Coronafälle. Insgesamt befinden sich kreisweit mehr als 150 Kontaktpersonen in häuslicher Quarantäne. Um die Verbreitung des Virus auszubremsen, werden zahlreiche Maßnahmen getroffen. Schulen und Kindertagesstätten sind bis zum Ende der Osterferien geschlossen, Veranstaltungen und Versammlungen verboten und zahlreiche Mitarbeiter im Homeoffice tätig. Das öffentliche Leben wird bewusst verlangsamt.

Von Kristina Schmidl und Markus Falk

Kreis Biberach – Wegen der rasanten Ausbreitung des Coronavirus hat die Landesregierung am Montag eine Rechtsverordnung nach dem Infektionsschutzgesetz beschlossen. Sie wird das öffentliche Leben für die Menschen in Baden-Württemberg in vielen Bereichen stark einschränken.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann betonte am Montag in einer Pressekonferenz in Stuttgart: „Die Zahl der infizierten Menschen im Land steigt weiter stark. Gleichzeitig gelingt es uns aktuell sehr gut, alle erkrankten Menschen medizinisch bestmöglich zu versorgen. Um dies auch in den kommenden Wochen sicherzustellen, müssen wir die Ausbreitung des Virus noch stärker verlangsamen.“ Die Verlangsamung sei oberstes Ziel.

Das Biberacher Landratsamt geht mit seiner Alleinverfügung über die vom Land Baden-Württemberg erlassene Verordnung hinaus. Das hat der Koordinierungsstab des Landratsamtes unter der Leitung von Landrat Dr. Heiko Schmid und dem Ersten Landesbeamten Walter Holderried beschlossen.

Im Kreis Biberach ist am Freitagabend der zwölfte Coronafall bestätigt worden, am Dienstag war bereits von 37 Fällen die Rede. Bei den fünf neuen Fällen handle es sich um drei Männer im Alter von 55, 56 und 60 Jahren, die zusammen in Ischgl waren, einen weiteren 56-jährigen Kreisbewohner und eine 46-jährige Frau. Alle fünf Personen sind in häuslicher Isolation. Das Kreisgesundheitsamt ermittelt die Kontaktpersonen.

„Drei junge Frauen zwischen 28 und 35 Jahren wurden nach ihrer Rückkehr aus Ischgl am 8. März positiv auf das Coronavirus getestet. Sie weisen leichte Symptome auf und leben in häuslicher Isolation, sagt Schwarzendorfer. Das Gesundheitsamt ermittelte die Kontaktpersonen. 17 Personen, davon vier Betreuer, die in einem Bildungsinstitut im Landkreis Biberach leben, wurden ebenfalls positiv getestet und häuslich isoliert. Das Bildungsinstitut steht unter Quarantäne. Die Zahl der bestätigten Fälle im Landkreis Biberach beläuft sich damit auf 37.

Soziale Kontakte, persönliche Treffen untereinander sind weitestgehend einzuschränken und auf das zwingend notwendige Maß zu reduzieren. Deshalb umfassen die derzeit bestehenden Regelungen, wonach Veranstaltungen und Ver-sammlungen im Landkreis nicht mehr stattfinden dürfen, auch Jugendbuden und Buden im Landkreis. Darauf weist das Landratsamt hin. Entsprechend den bestehenden Regelungen sind Buden und Jugendbuden ausnahmslos zu schließen und deren Betrieb ist sofort einzustellen. Der Kreisjugendring weist in einer Pressemitteilung ebenfalls darauf hin. Er ppelliert an Schüler, denen langweilig ist, weil der Unterricht und Versammlungen ausfallen, auf Cor ona-Partys zu verzichten.

„Bereits am Wochenende haben vereinzelt Corona-Partys im Landkreis stattgefunden, zu denen Jugendliche spontan eingeladen haben“, teilt der Kreisjugendring mit. Das Robert Koch-Institut warne aber ausdrücklich davor, dass Kinder, die oft kaum Symptome zeigten, trotzdem den Erreger übertragen könnten. Dadurch würden sie zur Gefahr für Kranke und ältere Menschen. Der Kreisjugendring Biberach bittet deshalb um Solidarität mit diesen Personengruppen und appelliert an alle Kinder, Jugendlichen und Eltern die eingeleiteten Maßnahmen zu unterstützen und sich ab nicht mehr auf Spielplätzen, in Buden, Gruppenräumen oder privat in Gruppen zu treffen.

Landrat Schmid hat sich am Wochenende in einem umfangreichen Schreiben an die Gemeinden seines Landkreises gewandt. Er dankte darin den Gemeindeoberhäuptern und ihren Mitarbeitern für ihren Einsatz im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus. „In diesen Dank schließe ich ausdrücklich die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes mit Dr. Monika Spannenkrebs an der Spitze ein. Sie leisten in der Zeit der Coronakrise Außergewöhnliches“, betont er. Das ganz Wochenende über hätten Mitarbeiter der Kreisverwaltung eine telefonische Beratung für besorgte Bürger gewährleistet. Am Samstag seien 250 Anrufe eingegangen, am Sonntag 150. Unter der Woche sei das Bürgertelefon von 8 bis 16 Uhr unter der Nummer 07351/527070 erreichbar.

Aufgrund eines begründeten Verdachtsfalls hat die Leitung des Riedlinger Kreisgymnasiums in Abstimmung mit dem Kultusministerium und dem Kreisgesundheitsamt das Kreisgymnasium bereits am Montag geschlossen. Die anderen Schulen und Kindertagesstätten in Baden-Württemberg sind erst seit Dienstag bis zum Ende der Osterferien zu. Die Gemeinden mussten Maßnahmen treffen , wie die Betreuung für Kinder von Beschäftigten in kritischen Infrastrukturen sichergestellt werden können. Zu den kritischen Infrastrukturen zählen laut Landrat etwa die Polizei, die Feuerwehr, medizinisches und pflegerisches Personal, Hersteller von für die Versorgung notwendigen Medizinprodukten, die Lebensmittelproduktion, der Einzelhandel, die Müllabfuhr sowie die Energie- und Wasserversorgung.

Auch Mitarbeiter des Landratsamts seien von Schul- und Kindergartenschließungen betroffen. Man gehe deshalb von einem deutlich eineschränkten Dienstbetrieb im Landratsamt aus, sagt Schmid . Die Mitarbeiter hätten die Möglichkeit für die Kinderbetreuung Urlaub zu nehmen, Überstunden abzubauen oder im Homeoffice zu arbeiten.

Als Teil der öffentlichen Verwaltung würden das Landratsamt und die Gemeinden alles unternehmen, um die Ausbreitung des Virus zu verzögern. „Die Stärke dieses Landkreises war es immer, zusammenzustehen, wenn es notwendig war. Dieses Zusammenstehen brauchen wir aktuell mehr denn je. Ich appelliere deshalb an jeden Einzelnen, auf sich selbst und andere aufzupassen“, betont Schmid. Dazu zähle insbesondere, persönliche soziale Kontakte weitestgehend zu vermeiden. „Halten Sie Kontakt übers Telefon, Internet und soziale Medien. Wir müssen alles dafür tun, um unser Gesundheits- und Pflegesystem mit Ärzten und Pflegekräften zu schützen, damit sie sich um Patienten und um die Menschen, die Unterstützung brauchen, kümmern können“, betont der Landrat.

„Durch die voranschreitende Ausbreitung des Virus, befinden sich von Tag zu Tag mehr Personen – Infizierte und Kontaktpersonen – in häuslicher Isolation. Bei ansteigenden Fallzahlen wird die Versorgung dieser Menschen immer schwieriger, und die selbstorganisierte Nachbarschaftshilfe wird an ihre Grenzen stoßen“, schrieb der Landrat am Wochenende an die Rathauschefs. Er bittet darum, zeitnah eine Versorgung für diese Menschen in ihrer Gemeinde zu organisieren. Dabei könnten Vereine, die Freiwillige Feuerwehr, organisierte Nachbarschaftshilfen und die DRK-Bereitschaft eingebunden werden. Ein besonderes Augenmerk bei der Durchführung sei dabei auf die Bedürfnisse von älteren und pflegebedürftigen Menschen zu richten.

Er sichert den Gemeinden in seinem Schreben an die Bürgermeister weiter die volle Unterstützung seitens des Landratsamts zu. Außerdem wünscht er „das notwendige Durchhaltevermögen in einer belastenden Zeit.“ Er betont: „Wir wollen ganz bewusst das öffentliche Leben verlangsamen.“

Der Landkreis Sigmaringen hat derweil seinen ersten Todesfall durch das Coronavirus zu beklagen. Nachdem der 80-jährige Patient gestern mit einer schweren Lungenentzündung ins SRH-Krankenhaus in Sigmaringen eingeliefert wurde, verstarb er dort wenig später.

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Solidarität angesichts der Corona-Krise

Initiativen engagieren sich

Ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger sowie Menschen mit Vorerkrankungen gelten als Corona-Risikogruppen. Zwei Initiativen in Biberach wollen sich angesichts der Ausbreitung des Virus besonders um die Gefährdeten kümmern und sie nach Kräften unterstützen.

Biberach (red) – Bereits seit vielen Jahren bieten die Ehrenamtlichen von „Bürger für Bürger“ älteren Menschen ohne familiäres Umfeld Hilfe an, übernehmen Einkäufe oder erledigen Besorgungen. Auch in der aktuellen Situation besteht dieses Angebot für alle Menschen, die aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus ihre Außenkontakte reduzieren wollen und daher auf Unterstützung angewiesen sind.

Diese besonders gefährdeten Mitbürgerinnen und Mitbürger möchte auch eine Gruppe Jugendlicher unterstützen, die sich dieser Tage neu gegründet hat. „Wir gehören nicht zur Risikogruppe und haben aufgrund der landesweiten Schulschließungen genügend Zeit, um Ihnen durch Besorgungen, Einkäufe oder auch Betreuung unter die Arme zu greifen“, so die jungen Erwachsenen in einem Informationspapier. Neue Mitstreiter sind unabhängig vom Alter jederzeit willkommen.

Wer Bedarf an Unterstützung hat oder selbst mit anpacken möchte, erreicht die Initiativen unter folgenden Kontaktdaten: Bürger für Bürger: Telefon: 07351- 827127, E- Mail: bfb-biberach@gmx.de, Jugendinitiative „Hilfe für Corona-Risikogruppe“: Telefon: 0170-2408955, E-Mail: lena-feierabend@gmx.de

Auch der Ehrenamtsbeauftragte der Stadt Biberach, Rouven Klook (Tel. 07351-51818, klook@biberach-riss.de) steht für Auskünfte oder Vermittlungen jederzeit bereit.

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Infos zum Coronavirus in leichter Sprache

Stadtverwaltung legt Broschüre aus

Einige wichtige Informationen über das neuartige Coronavirus können ab sofort auch in einer Broschüre in leichter Sprache nachgelesen werden. Darin sind wichtige Informationen über die Krankheit, Tipps, um eine Ansteckung zu vermeiden und auch wichtige Rufnummern enthalten.

Biberach (red) – Die Stadt Stuttgart hat über den baden-württembergischen Städtetag allen Kommunen eine Broschüre zum Thema zur Verfügung gestellt und zur Verwendung freigegeben. „Dieses Angebot haben wir gerne angenommen und die lokalen Kontaktdaten eingearbeitet“, teilt die Stadtverwaltung mit.

Die Broschüre liegt ab sofort im Rathaus und in weiteren städtischen Einrichtungen sowie Kindergärten aus. Zudem kann die Information von der städtischen Homepage www.biberach-riss.de heruntergeladen werden. Die Mitglieder des Inklusionsbeirats wurden direkt informiert.

Die leichte Sprache ist eine besondere sprachliche Ausdrucksweise und hat das Ziel einer besonders leichten Verständlichkeit. Insbesondere für Menschen mit Einschränkungen, aber auch für Menschen mit Deutsch als Fremdsprache ist die Broschüre daher besonders hilfreich.

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„Menschen könnten sich wieder als Teil eines sozialen Systems empfinden“

Interview mit der Psychologin: Welche Auswirkungen die Coronakrise auf unsere Gesellschaft hat

Die Corona-Pandemie bringt das öffentliche Leben auch in der Region immer mehr zum Erliegen. Neben kaum absehbaren wirtschaftlichen Folgen stellt sich die Frage: Was macht die Coronakrise mit unserer Psyche? Welche Auswirkungen hat sie auf das Zusammenleben in unserer Gesellschaft? Und wie sollten wir uns jetzt verhalten? Der Südfinder hat dazu mit Dr. Petra Arenberg, Professorin und Departmentleiterin Psychologie und Gesundheit an der SRH Fernhochschule in Riedlingen, gesprochen.

Von Markus Falk

Gibt es aus psychologischer Sicht einen vernünftigen Umgang mit dem Coronavirus? Schüttelt ein Psychologe bei manchen Verhaltensweisen wie Hamsterkäufen auch mal den Kopf oder ist jedes Verhalten in dieser Hinsicht nachvollziehbar und verständlich?

Das Virus löst Ängste aus. Angst ist eine sehr machtvolle Emotion. Menschen befürchten wahrscheinlich einen Kontrollverlust, denn die Gesellschaft hat in den letzten Jahren durch die Flüchtlingskrise oder gescheiterte Großprojekte wie den Berliner Großflughafen, Vertrauen in die staatliche Handlungsfähigkeit verloren. Mit Hamsterkäufen versuchen Menschen, ihr Sicherheitsbedürfnis zu befriedigen und damit etwas Kontrolle zu erlangen. Besser wäre es, sich konkret zu informieren, wie beispielsweise über das Robert Koch-Institut, das mildert die oft diffuse Angst.

Die Menschen gehen unterschiedlich mit den Meldungen zum Coronavirus um. Kann man daran auch unterschiedliche Charaktere erkennen?

Emotional instabile Menschen reagieren wahrscheinlich stärker und empfinden mehr Stress.

Wird sich mit der Zeit ein Herdentrieb, ein kollektives Bewusstsein in der Bevölkerung beim Umgang mit dem Coronavirus durchsetzen?

Herdentrieb bedeutet, dass ein Verhalten nachgeahmt wird, das viele Menschen zeigen. Unabhängig, ob positives oder negatives Verhalten, wird das wahrscheinlich weiterhin so bleiben.

Auf den ersten Blick stört das Virus unsere sozialen Kontakte. Könnte es aber auch sein, dass die Angst vor einer Infektion unsere Gesellschaft zusammenschweißt?

Wenn viele Menschen Austauschhandlungen beobachten, zum Beispiel helfen, interagieren, sozial unterstützen, könnte sich eine allgemeine Wechselbeziehung ausbilden. Das heißt, die Menschen helfen, ohne direkt von dieser Person oder sozialen Gruppe einen Gegenwert zurückzuerhalten. Die Individualisierung hat zur Vereinzelung in der Gesellschaft geführt, Menschen könnten sich wieder als Teil eines sozialen Systems empfinden. Die Werte Gemeinschaft und Solidarität würden stärker. Das Bedürfnis nach Nähe, wie direktem Kontakt zu Nachbarn, könnte steigen. Die soziale Funktion der Gesellschaft gewinnt wieder an Bedeutung, auf sich selbst bezogene Interessen, wie Urlaub machen, werden weniger in den Vordergrund gestellt.

Was raten Sie Menschen in Quarantäne, um mental über die Runden zu kommen?

Das Stichwort lautet körperliche und intellektuelle Stimulation. Man sollte soziale Beziehungen täglich über Telefon oder Videochat pflegen. Das Positive sehen in der Situation. Was ist gut daran? Zum Beispiel Zeit für mich. Was wollte ich schon immer machen? Das kann auch einfach nur sein, ein bestimmtes Buch zu lesen.

Wie sollte man mit Kindern über das Virus sprechen?

Auf sachlicher Basis erklären und konkrete Informationen nennen. Wer keine Familie oder Nachbarn hat, die unterstützen, für den organisiert das Gesundheitsamt ehrenamtliche Helfer. Wer sich nach bestimmten Regeln die Hände wäscht, spült das Virus ab. Keine Schlüsselreize als Wörter nutzen. „Bloß keine Panik“ besser weglassen, denn die Kinder hören nur Panik.

Lernt die Gesellschaft aus solchen Krisen oder machen wir als Bürger und auch die Institutionen immer wieder die gleichen Fehler?

Menschen einer Generation teilen Erfahrungen, so bildet sich in der Gesellschaft ein kollektives Gedächtnis. Das kann auch positiv sein, wie etwa der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954. Eine gemeisterte Krise wäre auch eine solche Erinnerung. Menschen sind sehr lernfähig, durch Lernen haben wir uns an die Evolution angepasst. Auch in Institutionen sind die Entscheider Menschen, das lässt hoffen.

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Ansturm auf die Lebensmittelgeschäfte

Furcht vor dem Coronavirus sorgt deutschlandweit für Hamsterkäufe – So ist die Lage in der Region

Vom Vorgesetzten per Mail zu Hamsterkäufen animiert

Die Angst vor dem Coronavirus geht um in Deutschland. Bilder von leergeräumten Supermarktregalen, die im Netz die Runde machen, verdeutlichen einen momentanen Höhepunkt in der allgemeinen Panik, welche die Bevölkerung ergriffen hat. Doch wie sieht die Situation bei uns im Ländle aus, was sowohl Lebensmittelmärkte als auch Verbraucher betrifft?

 Von Linda Leinecker

Region – Der Hamster ist ein wahrer Experte im Überleben. Um den Winter zu überstehen, sammelt er rechtzeitig einen großen Nahrungsvorrat an, von dem er dann in harten Zeiten zehrt. Nun wird das putzige Nagertier und vor allem seine Überlebenstaktik erneut verstärkt in den Medien thematisiert – wie so oft in einem unerfreulichen Kontext: Dem Coronavirus. Denn die Angst vor einem diesbezüglichen Engpass in der Lebensmittelversorgung treibt, wenn man den Bildern im Internet Glauben schenkt, viele Konsumenten dazu, Hamsterkäufe auf der fieberhaften Jagd nach Nudeln, Klopapier, Konservendosen und Co. zu tätigen.

Im Supermarkt „nah und gut Walke“ in Biberach ist davon indes wenig zu spüren. So heißt es dort: „Bei uns ist eigentlich alles normal, bis auf die Desinfektionsmittel. Die sind alle ausverkauft.“ Man habe zwar gehört, dass andere Läden mehr von Hamsterkäufen betroffen seien, aber bei ihnen in der Biberacher Innenstadt sei das nicht der Fall. Die Pressestelle der EDEKA Handelsgesellschaft Südwest wiederum antwortet auf Nachfrage des Südfinders bezüglich Hamsterkäufen: „Am vergangenen Wochenende gab es eine erhöhte Nachfrage im Bereich Grundnahrungsmittel. Eine ausreichende Warenversorgung unserer Märkte ist aktuell auch weiterhin sichergestellt. Versorgungsengpässe haben wir im Moment lediglich im Bereich Desinfektionsmittel.“

Für die Sicherstellung der Nahrungsversorgung sorgt im hiesigen ländlichen Raum vor allem das privatwirtschaftliche Großhandelsunternehmen „Utz Lebensmittel“, das unter anderem 450 Lebensmitteleinzelhandelsgeschäfte beliefert. In Ochsenhausen, wo sich der Firmensitz befindet, besitzt der Großhändler zudem einen eigenen Frischemarkt. Matthias Utz, Personalreferent des Unternehmens, erläutert: „Wir bemerken einen leicht höheren Absatz bei Vorratsartikeln wie Nudeln oder Fertiggerichten in Dosen. Insgesamt macht es sich bei uns bisher nur in geringem Außmaß bemerkbar. Eine Ausnahme ist allerdings, dass wir auch im Großhandel kaum mehr Desinfektionsmittel beziehen können, da die Nachfrage in der gesamten Handelskette derzeit so hoch ist.“ Negative Erfahrungen mit panischen Kunden habe man bislang nicht machen können. „Unsere Marktleiterin in unserem Lebensmittelmarkt in Ochsenhausen registrierte zwar, dass sich der Absatz bei den genannten Artikeln erhöhte, aber richtige Hamsterkäufe wurden bei uns nicht getätigt“, ergänzt Utz.

Der Meinung, dass die Lebensmittelgeschäfte – wie in sozialen Medien des Öfteren angeprangert – die großen Gewinner der Coronavirus-Epidemie seien, stimmt Utz nicht zu: „Das sehe ich zumindest mittelfristig nicht so. Sicherlich ist der Umsatz im Lebensmitteleinzelhandel aufgrund des veränderten Kundenverhaltens deutlich höher, aber die Kunden werden in den nächsten Monaten ja nicht mehr Nudeln essen oder mehr Toilettenpapier benötigen als vorher. Daher sehe ich hier nur eine Verschiebung des Umsatzes, welche den Händlern bei der Kundenzufriedenheit und Personalplanung teilweise Probleme bereitet.“

Gerade das veränderte Kundenverhalten animiert allerdings andere Verbraucher dazu, statt zum Beispiel einmal lieber ein zweites Mal ins Regal oder Tiefkühlfach zu greifen. So sagt die Ochsenhauserin Elisabeth M.: „Ich finde schon, dass man durch die Hamsterkäufe verunsichert wird. Ich habe mich auch selbst dabei ertappt, dass ich statt einem Pack Reis zwei Packen mitgenommen habe.“ Bei ihrem letzten Einkauf habe sie Haushaltstücher erworben und ihre Grundnahrungsmittel wie Mehl aufgestockt. „Mir ist es generell immer wichtig, einen vernünftigen Vorrat daheim anzulegen“, erklärt die Familienmutter. „Aber von Hamsterkäufen und dem Horten halte ich persönlich nichts. Das führt nur dazu, dass man reihenweise Verdorbenes wegwerfen muss. Angst, dass wir nicht ausreichend mit Lebensmitteln versorgt werden wegen dem Virus habe ich nicht.“

Der Biberacher Marcel Grünelt sieht Hamsterkäufe ebenfalls als problematisch an: „Meiner Meinung nach sind die ganzen Hamsterkäufe eine übertriebene Reaktion, die leider in einem Teufelskreis endet. Zum Beispiel: Mehrere Personen machen ihre Hamsterkäufe, Leute sehen dies auf dem Kassenband oder sehen die leeren Regale, und dies löst schon die erste Furcht im Menschen aus: Ich bekomme nicht das, was ich brauche. Daraus resultiert, dass die nächsten Personen auch mehr einkaufen, denn wenn es gerade Nudeln gibt, kaufe ich lieber mehr, bevor andere wieder groß zuschlagen und ich keine Nudeln habe. Das führt sehr schnell zu einer Kettenreaktion, die unsere Regale leert.

Den 34-jährigen, selbstständigen mobilen Holzofenbäcker ließen die Hamsterkäufe dementsprechend kalt: „Ich selbst habe überhaupt nichts an meinem Kaufverhalten geändert. Weder mehr noch weniger und immer noch lege ich Wert auf Frischwaren und lasse die Konserven denen, die es benötigen.“

Julia B., eine Büroangestellte aus Ulm, dagegen berichtet: „Unser Chef fürchtet sich regelrecht vor dem Coronavirus. Er hat uns Mitarbeitern letztens eine Rundmail geschickt und uns darin aufgefordert, dass wir uns wie er rechtzeitig mit ausreichend Nahrungsmitteln eindecken sollen. Ich werde aber trotzdem normal einkaufen.“

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